10 Tage Vipassana Meditation in Malaysia – Mein Rückblick

Anreise und erste Bedenken

Während Marie eine Woche lang Asanas im Yoga Retreat bei Siem Reap einnimmt, bin ich in einem Meditationszentrum, in der Nähe des Städtchens Kuantan, Malaysia. Hier findet während der nächsten 10 Tage ein Vipassana Meditationskurs nach S.N. Goenka statt.

Meine Mitstreiter, circa 100 Personen, und ich geben nach der Anmeldung sämtliche Elektroartikel, Bücher, Schreibutensilien und alle sonstigen Gegenstände, die uns von der täglichen Praxis ablenken könnten, an der Pforte ab.

So steh ich nun da, „nackt“ und verletzlich ohne jegliche Möglichkeit der Situation auszuweichen. Kein kurzer Blick aufs Handy, sobald innere Unsicherheit aufkommt. Aus Langeweile das Internet durchstöbern oder E-Book lesen ist nicht.

Na gut, dann muss halt sozialer Kontakt her, ein wenig mit anderen Leuten plaudern und freundlich Lächeln um Anschluss zu finden. Pustekuchen, daraus wird auch nichts, da wir während den ersten 9 Tagen „Noble Silence“ („Edle Stille“) einhalten müssen. Das bedeutet nichts anderes als der komplette Verzicht auf jegliche Art der Kommunikation untereinander.

Ich sitze auf meinem Bett. Während der Deckenventilator über mir seine Kreise dreht, steigen in mir ernsthafte Zweifel auf, ob das Projekt wohl gut geht. Nach einem leichten Abendessen bestehend aus Früchten, erkunde ich noch den Aussenbereich, wo wir uns im Männer Bereich frei bewegen können. Geschlechter sind während der gesamten Zeit strikt voneinander getrennt. 

Früh mache ich mich fertig fürs Bett, man will ja nicht am ersten Tag schon verschlafen…

 

Tagesablauf

 

04:00 Gong – Aufstehen
04:30-06:30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
06:30-08:00 Frühstückspause
08:00-09:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
09:00-11:00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
11:00-12:00 Mittagessen
12:00-13:00 Ruhepause und Gelegenheit zum Interview mit dem Lehrer
13:00-14:30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14:30-15:30 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
15:30-17:00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer entsprechend den Anweisungen des Lehrers
17:00-18:00 Teepause
18:00-19:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
19:00-20:15 Vortrag des Lehrers in der Halle
20:15-21:00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
21:00-21:30 Zeit für Fragen in der Halle
21:30 Nachtruhe – Licht aus

 

Während ich mich im Traum irgendwo auf einer Südseeinsel befinde und bei Sonnenschein einen köstlichen Batida de Coco aus einem Strohalm schlürfe, schallt plötzlich und erbarmungslos der 4 Uhr Gong. Ich wasche mir halb wach den Sand samt Müdigkeit vom Körper und begebe mich in die Meditationshalle.

Schmerzen beim Sitzen und Chaos im Kopf

Wir nehmen unsere Plätze auf dem Sitzkissen ein und werden dazu angeleitet mit geschlossenen Augen unseren natürlichen Atem zu beobachten. Ein – Aus, Ein – Aus, usw. 

Sobald man bemerkt, dass die Gedanken abgewandert sind soll man seinen Geist wieder auf den Atem zurückführen. 

Langweilig mag man denken. Tatsächlich ist es das Gegenteil. Denn das Äffchen im Kopf ist nicht in der Laune sich den ganzen Tag auf eine Sache zu konzentrieren, oh nein. Da gibt es andere Dinge die Cheetah interessieren.

Z. B. das Bundesliga Saisonfinale, hoffentlich steigt der HSV endlich ab, Batida de Coco, wie alt werden eigentlich Grillen (draussen zirpt es unentwegt) und warum gibts die eigentlich? Wann mach ich meine Wäsche, hunger, müde, etc. 

Es nimmt kein Ende. Irgendwann komme ich mir vor wie ein Dompteur. Teilweise ist es mir nicht mal möglich, meine Aufmerksamkeit für lediglich zehn Sekunden, auf diesen verfluchten Atem zu richten. Das Äffchen zerrt und schreit, ist nicht gewillt und unbestechlich.

Mahlzeiten

Endlich ist 6:30 Uhr, Frühstückszeit. Der Zirkus hat vorübergehend geschlossen. Mit gesenktem Kopf und müden Schritten machen wir uns auf den Weg zum Essensaal. Dreimal täglich gibt es ausnahmslos köstliche vegetarische Kost, zubereitet von freiwilligen Helfern. Auf diese Weise tragen sie ihren Teil dazu bei, anderen Menschen einen solchen Kurs kostenlos zu ermöglichen. Dasselbe gilt übrigens für alle Mitarbeiter einschliesslich der beiden Lehrer und dem Manager. Keiner erhält einen Lohn.

Teilnehmer die bereits zum wiederholten Male dabei sind bekommen um 17 Uhr lediglich Tee, da es sich mit leerem Magen besser meditieren lässt. Ich kann es nicht unterdrücken, ein wenig Schadenfreude kommt schon auf, als ich genüsslich in meine Früchte beisse.

Abendprogramm

All abendlich wird ein ca. 1 1/2 stündiger Ausschnitt von S.N. Goenkas Vorträgen gezeigt. Ein überaus sympathischer Mensch der viel Güte ausstrahlt. 

In den Vorträgen nimmt er stets Bezug, auf das was die Schüler an diesem Tag erfahren haben. Er nimmt einen an die Hand und erklärt alles auf einfache Weise. Mit Geschichten und einer ordentlichen Portion seines unverwechselbaren Humors lockert er das Thema immer wieder auf. Erst nachdem er die Aufgabe für den nächsten Tag dargelegt hat, entlässt er einen in die Nachtruhe. 

Tag 2 und 3

Am zweiten und dritten Tag der Meditation steigen dann vermehrt Bilder aus vergangenen Zeiten in mir auf. Beharrlich lenke ich meinen Geist zurück auf den Ort mitten in meinem Gesicht. Irgendwann scheint sich dann das sich das Blatt zu wenden. Der Fokus auf meine Atmung und den Bereich zwischen Nasenhöhle und Oberlippe wird länger und intensiver. Cheetah was ist los, gibst schon auf? 

Und tatsächlich, der vor Kurzem noch rastlose Affe gewöhnt sich so langsam daran nach meiner Pfeife zu tanzen. Die Schmerzen im Rücken und den Knien dagegen werden immer schlimmer.

Meditieren, so dachte ich immer, ist so was wie Wellness & Spa. Für mich ist es bisher Beinharte Arbeit, in ungewohntem Ausmass. Trotz der ersten Erfolge schiesst mir immer wieder der Drang aufzugeben, meine Sachen zu packen und einfach zu gehen, durch den Kopf. Mich irgendwo auf einer naheliegenden Insel in eine Hängematte zu fläzen und Buddha einen guten Mann sein zu lassen. Das hört sich sehr verführerisch an. 

Tag 4 – 9

Ab dem vierten Tag wird die Vipassana Methode gelehrt. Behutsam und Schritt für Schritt erklärt einem S.N. Goenka in den Videos und als Audio Mitschnitt die Vorgehensweise. Falls man etwas nicht verstanden hat oder Fragen zur Technik aufkommen kann man sich zu zwei Terminen an den Lehrer wenden. 

Während die Tage immer schneller verstreichen wächst neben dem Körpergefühl eine innere Ruhe, wie ich sie bisher nicht kannte. Zusehends bildet sich eine geistige Haltung, die auf Gleichmütigkeit und der Erfahrung das alles vergänglich ist, beruht. So übe ich mich darin, aufkommende Emotionen und Empfindungen stets Objektiv zu betrachten. 

Beispiel gefällig? 

Stell dir vor du stehst mit deinem schicken Sportwagen auf der A8 im Stau (soll ja manchmal vorkommen). Jetzt wirst du vielleicht nervös oder wütend, da du lange warten musst und gar nichts vorwärtsgeht. Du stellst dein Radio auf den Verkehrsfunk und hörst noch die Worte „… 30 Kilometer in Richtung Stuttgart aufgrund eines Unfalls. Ihnen noch eine gute Fahrt und kommen sie sicher nach Hause“.

Deine Schwiegermutter hat die gesamte Familie zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen, der Braten schmort schon im Ofen, die meisten Gäste sind bereits vor Ort und stossen mit Sekt an. Du siehst deine Frau vor deinem inneren Auge, wie sie zum wiederholten Male auf ihre silberne Armbanduhr schaut und die Augen verdreht. 

Jetzt staut es sich nicht nur aussen, sondern auch innerlich. Das Emotions- und Gedankenkarussel kommt so richtig in Fahrt.

Was kuckt der hinter mir so blöd? Arsch…. ! Der Fahrer nebenan sitzt hinterm Steuer und grinst dir freudig ins Gesicht, zwinkert dir zu und zuckt mit den Schultern. Hat der noch alle Tassen im Schrank?

Mit einem Puls von 180 und einem vor Wut kochenden Kopf biegst du auf den Seitenstreifen und zeigst damit allen anderen was du von der momentanen Situation hältst. Wenige Sekunden später siehst du Blaulicht im Rückspiegel woraufhin dir Dampf aus den Ohren strömt, damit du nicht explodierst.

Findest du dich in der Beschreibung irgendwo wieder?

In dieser Situation sind alle anderen Schuld, doch rational betrachtet ist das Problem in dir. Du kommst mit der normalen Situation nicht klar. Du machst sie dir wichtiger als sie ist. Jede Emotion ändert nichts an der Sache selbst. Einzig dein Blutdruck und Stresslevel steigt.

Stell dir jetzt vor du würdest erkennen, dass die Situation von dir nicht verändert werden kann. Aufkommende Emotionen betrachtest du wie ein Aussenstehender und lässt sie einfach ziehen. Den MP3 Player fütterst du mit diesem Song, blickst mit einem Lächeln zu deinem Nebenfahrer, um ihm mit einem Auge zuzuzwinkern und locker die Schultern zu heben. Du hast die Situation gleichmütig gelöst und wirst, wenn auch mit Verspätung, ausgeglichen bei Schwiegermama ankommen.

Der 10. Tag

Allein die Erfahrung über einen so langen Zeitraum weder zu kommunizieren noch durch Facebook, E-Mail, Whatsapp und co. abgelenkt zu werden war alle Anstrengung wert. Das Gefühl ist unbeschreiblich erlebenswert. 

Am zehnten Tag geht es dann aber langsam zurück ins gewöhnliche Leben. Vormittags lernen wir die sogenannte „Metta“ Meditation. Es handelt sich um eine der ältesten Formen der Einkehr und fokussiert auf eine liebevolle, wohlwollende Haltung gegenüber der Welt und allen Wesen. 

Um 10 Uhr wird dann die Noble Silence sowie die nächste Stunde in „Edler Stille“ aufgehoben.  

Es fühlt sich wie das überspringen einer Hürde an, das Wort „Hallo“ aus dem Mund zu bekommen. Darum lass ich es erst mal und verziehe mich in mein Zimmer. 

Am Mittagstisch ist es dann so weit. Mein Nebensitzer, der auch mein Zimmernachbar ist, nimmt mit vollem Teller platz. Unvorbereitet und mit beinahe fremder Stimme, kommt ein „Hey how are you“? aus meinem Mund. Wir lächeln einander an, stellen uns gegenseitig vor und teilen unsere sehr ähnlichen Erfahrungen der letzten Tage miteinander. 

Hinweise

Immer wieder brechen meditierende den Kurs frühzeitig ab. Das ist meiner Meinung nach schade und gefährlich. Denn während der Zeit im Meditationszentrum passiert etwas mit einem. Vieles wird innerlich umgewälzt, neu sortiert, strukturiert und ausgemistet.

Ein frühzeitiger Ausstieg kann speziell bei Personen mit psychischer Labilität zu ernsthaften Folgen führen. Bitte sei dir also im Voraus darüber im Klaren, ob du dich auf die Umstände einlassen kannst. 

S.N.Goenka

Goenka war der führende Lehrer der Vipassana Methode unserer Zeit. Vor ihm gab es aber schon Andere, die sich daran gemacht haben, Vipassana zu verbreiten. Der Bekannteste unter ihnen ist ein gewisser Siddhartha Gautama besser bekannt als Buddha. Vor 2500 Jahren hat dieser, nachdem er erleuchtet wurde, die „Kunst des Lebens“ gelehrt. 

Vipassana hat nichts Religiöses oder Sektiererisches, es gründet auf Naturgesetzen und beschreibt den Weg zu einem glücklichen Leben ohne Leid. 

Während des Kurses wird immer wieder betont, dass man nichts einfach glauben sollte, was man unterrichtet bekommt, sondern es stets auf Richtigkeit und Nützlichkeit für einen selbst prüfen soll. 

S.N. Goenka ist 2013 im Alter von 89 Jahren verstorben, seine Hinterlassenschaft steht für jeden Menschen, egal welcher Herkunft, Rasse und Zugehörigkeit, offen. 

Weltweit finden Kurse von einem bis vierzig Tage statt, so auch in Deutschland. Diese sind oft schon mehrere Wochen im Voraus ausgebucht. 

Weitere Informationen findet ihr hier.

Fazit:

Die 10 Tage Vipassana Meditation war für mich mit das Schwerste aber auch Lohnenswerteste aller bisherigen Erfahrungen.

Die erlernte Technik lässt sich in allen Situationen des täglichen Lebens anwenden und dadurch verfeinern. Sie führt durch regelmässige Übung dazu, auch in sehr herausfordernden Momenten, entspannt zu bleiben und richtige Entscheidungen zu treffen. 

Von mir also ein Klares: „Do it“!

Übrigens hat der Rapper Macklemore seine Erfahrungen mit Vipassana in seinem gleichnamigen Song veröffentlicht. Hört mal rein.

 

Hat jemand von euch schon Erfahrung mit diesem Kurs oder mit Meditation im Allgemeinen gemacht? 

Ich freue mich über eure Kommentare!

 

 

Be happy!

 

 

3 Kommentare zu “10 Tage Vipassana Meditation in Malaysia – Mein Rückblick

  1. Glückwunsch für die tolle Erfahrung!

  2. Karlheinz Stadelmaier

    Hi Boris,
    Wow ich bin beeindruckt, das war wie du auch geschrieben hast, eine wahnsins Erfahrung für dich. Glückwunsch an dich, dass du durch gehalten hast 🙂 das spricht für dich.
    Ich hätte das Zeug nicht dazu, dazu kenn ich mich schon zu lange.

    Bis bald und noch viele schöne Erlebnise für euch Zwei
    Karlheinz

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