Alle Schiffe sind weiblich

Bemerkt der diensthabende Schiffsoffizier Kristjof und schwärmt, „wahrscheinlich kümmern wir uns auch deswegen so sehr um sie“. 

Sie, trägt den Namen des berühmten Entdeckers „VASCO DE GAMA“ auf ihrer stählernen Haut. 

Auf meine ironische Frage, ob er nicht insgeheim zwei Frauen liebe, entgegnet Kristjof in hartem Seemannston, „nein, nur eine – Die Liebe zu meiner Frau würde mir auf dem Ozean nichts nutzen“.

Das Herz des Frachters

Der Motorraum liegt im hinteren Drittel und einige Meter unter der Meeresoberfläche. Auf vier Stockwerken verteilt findet sich dort die neueste Technik mit einem Motor, der auch in Sachen Effizienz in der obersten Liga spielt.

Der Motor treibt jedem, der sich dafür begeistern kann, unweigerlich Tränen der Begeisterung in die weit aufgerissenen Augen. Kolben so gross, wie ein Baumstamm und Zylinder in denen man sich locker verstecken könnte.

Aufgrund des pausenlosen Lärms müssen die Arbeiter im Motorraum Ohrenschützer tragen. Gegen die gnadenlose Hitze gibt es jedoch keinen Schutz. Nicht selten werden dort Temperaturen über 60 Grad erreicht. 

Der Chefingenieur erklärt uns beim Rundgang alles, was es zu sehen gibt. Auch nach 30 Jahren versprüht er noch eine bemerkenswerte Begeisterung für seine Arbeit. Wir folgen seinen Schilderungen aufmerksam. Bei manchem, was er so erzählt muss ich allerdings nochmals nachfragen, da die gegebenen Informationen nicht in meinen Schädel passen. 

Der Motor verbraucht während eines Tages auf Vollgas 400 TONNEN! Treibstoff. Insgesamt fassen die Tanks mehr als 10.000 Tonnen. Werden die 63.000 KW-Höchstleistung ausgenutzt, so schiebt die Schiffsschraube (10 Meter Durchmesser) den Frachter mit bis zu 22 Knoten durch die Weiten des Meeres. 

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Die Crew

In sechs verschiedenen Schichten (jeweils 4 Stunden) schaltet und waltet je einer der drei Offiziere hoch oben auf der Brücke. Der Captain ist nur selten zu sehen. Seine Aufgabe ist es dafür zu Sorgen, das alle Abläufe an Bord funktionieren. Bei der Grösse dieses Schiffes keine einfache Aufgabe. Die Offiziere werden jeweils von einem Assistenten beim Ausschau halten und der Kontrolle aller Vorgänge auf der Brücke unterstützt. 

Die meisten anderen Seeleute verbringen ihren Arbeitstag im Motorraum oder an Deck. Sie kontrollieren regelmässig, ob die Millionen schwere Ladung noch gut gesichert ist, denn der kleinste Fehler kann verheerende Folgen haben.

Bei turbulenter See wirken unvorstellbare Kräfte, die mitunter auch dazu führen können, dass mehrere Container frühzeitig von Bord gehen.

Fünfzehn philippinische Mitarbeiter sind für die weniger gut bezahlten Aufgaben zuständig. So zum Beispiel unser Steward Emanoel. Er versorgt uns mit allem was wir während den 17 Tagen brauchen, bringt uns täglich das Essen an den Tisch, ist äusserst aufmerksam und zuvorkommend. Er wird wie seine Landsmänner für neun Monate auf der VASCO DE GAMA sein und deutlich mehr Geld verdienen, als er es in seiner Heimat tun würde. Doch für welchen Preis?

Im doch recht eintönigen Leben auf See sind Gäste eine gern gesehene Abwechslung. Jeder ist sehr freundlich zu uns. Der Captain und seine Offiziere beantworten all unsere Fragen mit Freude und erzählen immer wieder von interessanten Begebenheiten auf ihren langen Reisen. 

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Tagesablauf

Die Mahlzeiten (7 – 8 Uhr / 12 – 13 Uhr / 18 – 19 Uhr) finden gemeinsam mit der Crew statt. Wie wir die restlichen Zeiten verbringen, ist allein unsere Angelegenheit, da bis auf Führungen kein Programm für Passagiere geboten wird. 

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Somit verbringen wir die restlichen Stunden mit Lesen, Fitness, Sauna und Musik hören, schauen Filme und reden über Eindrücke aus dem vergangenen Jahr. Mehrmals täglich statten wir den Offizieren oben auf der Brücke einen Besuch ab, verwöhnen uns dort neben Kaffee mit Gebäck und schauen, ob wir noch auf Kurs sind. 

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Besondere Momente

Piraterie

Zwei Tage, bevor wir die somalische Region erreichen, ruft der Captain alle zur Zusammenkunft auf die Brücke. Er informiert darüber, dass wir ab morgen 18 Uhr das Hochrisikogebiet erreichen und für drei Tage Sicherheitsstufe 2 gilt. Das beinhaltet z. B., dass alle Türen zum Hauptdeck immer abzuschliessen sind, Vorhänge müssen bei Dunkelheit zugezogen sein (Überfälle finden vorwiegend nachts statt), im Falle eines Angriffs ertönt der Alarm, woraufhin jeder auf direktem Wege den Schutzbunker aufsuchen muss. 

Die Crewmitglieder bekommen für diese Passage, welche angeblich als die gefährlichste der Welt gilt, einen Gehaltszuschlag. Der Captain beruhigt uns mit seiner Einschätzung, dass es zu ca. 90 % keinen Angriff geben wird. Ausserdem ist es für Piraten sehr schwer ein Schiff dieser Grösse zu entern. 

Während der nächsten Tage ist eine leichte Anspannung zu spüren. Die Besatzung auf der Brücke hält zunehmend Ausschau mit den Ferngläsern. Die Anzeige des Radars wird des Öfteren kontrolliert. 

Filme in denen Piraten vorkommen mag ich meist sehr. In der Situation zu sein, während 72 Stunden jeden Moment angegriffen werden zu können, kann mir in Zukunft gestohlen bleiben.

Barbecue und Karaoke Abend

Während eines gemeinsamen Barbecue Abend unterhalte ich mich mit den philippinischen Mitarbeitern über alles Mögliche. So erfahre ich von ihnen das die meisten Verträge über 9 Monate unterschreiben, um ein höheres Gehalt zu bekommen. Ein drei viertel Jahr auf demselben Schiff im endlosen Meer, weit weg von den Liebsten. Die Augen meiner Gesprächspartner werden schlagartig glasig und blicken nach unten. Emanoel, der Steward erklärt mir die Situation.

Die Jüngsten der Männer sind um die 20 Jahre, verheiratet und oft bereits Vater. Manch Ältere arbeiten seit Jahrzehnten auf Frachtschiffen. Das Gehalt ist um ein vielfaches höher als, was sie auf den Philippinen je verdienen könnten. Geld heilt jedoch den Schmerz nicht, der tief in der Seele bohrt. 

Sobald der Vertrag ausläuft, kehren sie nach Hause zurück, wo sie jede Minute der wertvollen Zeit mit ihrer Familie verbringen. Doch schon bald ist es wieder so weit. 

Der Lohn, welchen die Männer auf See verdienen muss für die Familie und evtl. für weitere Angehörige reichen. Und so kommt es, dass sie bereits nach ein paar Wochen wieder „lebt wohl“ sagen müssen, um sich 240 Tage später erneut in die Arme zu fallen. 

Allabendlich treffen sich die Philippinos um Karaoke zu singen. Ich bin herzlich eingeladen und lasse mir das natürlich nicht entgehen. Ein Buch mit 2000 Liedern geht reihum, jeder der wählt seinen Titel und versucht sich anschliessend als Sänger von Queen, The Eagles, Coldplay, Eric Clapton und anderen Weltstars. Am liebsten singen sie Liebeslieder in die sie all ihr Gefühl stecken. Spätestens jetzt löst sich das harte Seemannsimage, welches ich in meinem Kopf hatte, auf.

Ich versuche mich, mehr schlecht als recht, an Bob Marleys „Redemption Song“. Währenddessen dichte ich den Text etwas um und singe „won`t you help me sing, these songs of freedom…“, umgehend stimmen alle mit ein und helfen mir über die restlichen Strophen hinweg. 

Turbulente See

Über 3 Tage haben wir im Indischen Ozean starken Seegang. Der Monitor auf der Brücke, welcher Strömung und Wellengang anzeigt, wechselt von der ursprünglichen Farbe Grün zu Rot. Das riesige Schiff schaukelt. Tägliche Aktivitäten wie Treppen laufen, duschen oder Joggen werden zu Herausforderungen. Ein Offizier erklärt uns das wir auf einem kleinen Containerschiff jetzt am Boden liegen würden. Von hier oben, 40 Meter über dem Wasser, erkennt man nicht, dass die Wellen 6 Meter hoch sind.

Die Weite des Meeres

Die eindrücklichsten Momente sind für uns die in denen man hinausschaut. In der Hängematte liegend hinauf in den prächtigen Sternenhimmel. Auf der Brücke stehend mit Blick hinaus zum Horizont. Im Indischen Ozean fahren wir sechs Tage und sechs Nächte um nichts ausser der Weite des Meeres zu sehen – nichts! 

 

Nach über einem Jahr war diese Art der Rückreise genau das Richtige für uns. So hatten wir genügend Zeit, Eindrücke zu verarbeiten, zur Ruhe zu kommen und uns langsam wieder ans Heim kommen zu gewöhnen.

 

Wir freuen uns riesig auf euch!

 

2 Kommentare zu “Alle Schiffe sind weiblich

  1. Hans-Georg

    Lieber Boris, Liebe Marie,

    Großen Dank, dass Ihr uns mitgenommen habt!
    Jetzt sind wir fast ein wenig traurig, dass es keine weiteren Berichte und Photos mehr geben wird.
    Herzliche Grüße und Alles Gute!
    Hans-Georg, Sabine und Tim

  2. Hallo ihr drei,

    für uns war es toll das ihr dabei wart! Danke für eure Kommentare, die mich immer wieder motiviert haben zu schreiben 😊. Vielleicht sieht man sich ja mal in Konstanz, denn da zieht es mich wieder hin.

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