Unter die Haut – zu Besuch bei Apo Whang-od, der ältesten Tätowiererin der Welt

Apo Whang-od Oggay

Sie gilt als die älteste Tätowiererin der Welt und wird von jedem liebevoll „Apo“ genannt. In der Sprache ihres Stammes bedeutet das so viel wie Urgrossmutter. Mit 15 Jahren wurde sie von ihrem Vater in die traditionelle Methode der Kalinga eingeführt und begann seitdem Krieger sowie Frauen ihres Dorfes zu tätowieren. Als Mann musste man damals noch erfolgreicher Kopfjäger sein, um von Whang-od gestochen zu werden. 

Glücklicherweise sind diese Zeiten schon lange vorbei.

Das Bergdorf Buscalan

Wir machen uns von Manila auf, in Richtung Norden. Die Reise führt uns per Bus in die Bergregion Luzons. Die nicht endenwollende, kurvige Strecke entlang steilen Abhängen und saftigen Reisfeldern erfreut das Auge und kribbelt im Bauch. Viele Stunden abenteuerlicher Fahrt später kommen wir am Treffpunkt an. Amboy unser Guide wartet bereits auf uns. Von hieraus geht es mit dem Moped als Sozius weiter. Kurz darauf erreichen wir den Ausgangspunkt einer ca. 40-minütigen Wanderung hinauf zum Stamm der Butbut und dem Heimatort Apo Whang-od`s – Buscalan.

 

Amboy ist ein direkter Verwandter der Familie. So haben wir die Ehre für mehrere Tage im Haus von Grace, eine der Enkeltöchter Whang-od`s zu wohnen. 

Das Dorfleben

Beim Rundgang durch das kleine Dorf, mit seinen liebenswürdigen Bewohnern, fällt einem schnell auf das dies ein besonderer Ort ist. Frauen bestellen in mühevoller Arbeit die Reisfelder während Schweine überall durch die Gegend sauen (schwäbisch: schnell laufen). Männer bauen, reparieren oder entspannen. In jedem Fall kauen sie währenddessen gemächlich auf ihren Betelnüssen herum, bis ihnen beim wohligen Grinsen das Orange aus den Mundwinkeln rinnt.

Die Einwohner Buscalans leben von Reis, Kaffee und dem Tourismus. Letzterer bringt neben Geld leider auch viel Müll ins Dorf. Wochenendes erreichen durchschnittlich achtzig Tätowierwillige das Bergdorf, Tendenz steigend. Um diesem Ansturm gerecht zu werden, hat Whang-od ihre Kunst weitervermittelt. Neben ihren beiden Enkeltöchtern Grace und Elyang gibt es hier noch ca. fünf weitere Kalinga Künstler.

Unter der Woche geht es etwas ruhiger zu. Die allermeisten möchten Whang-od`s Signatur, drei Punkte auf einer Linie, gestochen haben. Beim Blick in die Gesichter derjenigen die an der Reihe sind, erkennt man weshalb sich die meisten mit den Punkten zufriedengeben. Es schmerzt.

Das Auge der Meisterin sowie das Gefühl, mit dem sie den Dorn des Grapefruitbaumes in die Hautschichten hämmert, hat mit zunehmendem Alter nachgelassen. Meine Hochachtung und Vorfreude jedoch keineswegs. 

Nächster bitte!

„Boris you are next!“, ruft Amboy und reicht mir einen vorbereiteten Bambusstab samt eingespanntem Dorn. Ich setze mich der Frau vom Fach gegenüber und übergebe ihr ein kleines Präsent, worüber sie sich freut. Geheimtipp: Sie liebt Schokolade. 

Ich schmelze unter ihrem sanften Lächeln. Die Frau ist einfach wunderschön!

Von den Symbolen, die auf einer Tafel aufgemalt sind, habe ich mir zwei ausgewählt. Den stehenden Adler (Bedeutung: Stärke, Freiheit und innere Führung) und den Skorpion (Stärke und Schutz).

Los geht`s…

Tack, Tack, Tack

Mir wird abwechselnd kalt und heiss, habe Schweissausbrüche und Schwindel vor Schmerzen. Apo schlägt den Dorn tiefer als nötig, da bin ich mir ziemlich sicher. Noch während der Prozedur bitte ich Amboy ihr zu erklären, dass ich an einem zweiten Symbol nicht mehr interessiert bin.

Daraufhin erzählt sie Amboy etwas in ihrer Stammessprache, nicht ohne mich verschmitzt anzugrinsen. Unser Guide übersetzt daraufhin, sie habe gesagt, dass früher selbst manch Kopfjäger ein halb fertiges Tattoo abbrechen musste, da er den Schmerz nicht mehr aushielt. Dass die Herren damals über den halben Körper tätowiert wurden, lass ich an dieser Stelle mal unerwähnt.

Zum Schluss bringt sie noch ihre drei Punkte an und klopft mir dabei mehrmals auf einen Nerv. 

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Dankbar von dieser wunderbaren Frau und Meisterin der Kalinga Kunst tätowiert worden zu sein, lege ich mich auf eine Bank und schlafe unter dem gewohnten Geräusch der Bambusstäbe -tack, tack, tack- langsam ein.

Apo

Whang-od Oggay, wurde 2018 für den National Living Treasure Award der Philippinen nominiert. Die Auszeichnung hätte sie auf jeden Fall verdient.

Keine andere Frau ging mir bisher dermassen unter die Haut!

 

Sie wurde am 17. Februar 101 Jahre alt. 

 

Eine tolle Dokumentation findet ihr u.a. hier.

2 Kommentare zu “Unter die Haut – zu Besuch bei Apo Whang-od, der ältesten Tätowiererin der Welt

  1. Hi Bo
    Sehr schöner Bericht. Dass die gute Apo bereits über 100 ist hätte ich nicht gedacht. Da sieht man dass die Reine Bergluft wohl sehr gesund ist da oben 😉
    Liebe Güsse, Urs
    Ps: dein Artikel ist heisser Kandidat für die #philippinenblogfenster Serie auf unserem Blog. Ist das ok für dich?

    • Danke für deinen Kommentar. Ja 101 Jahre und noch immer fast täglich am arbeiten. Auf der #philippinenblogfenster Serie zu landen wäre mir eine Ehre!

      Liebe Grüsse

      Boris

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