Unterwegs – 54 Stunden in der Transsibirischen Eisenbahn

Warum mit der Transsibirischen Eisenbahn?

Die Reaktionen auf unser Vorhaben, mit der Transsib durch Russland zu reisen waren sehr unterschiedlich.

Hier ein kleiner Auszug:

„Das ist doch total langweilig, was willst denn da den lieben langen Tag machen?“
„Warum fliegt ihr nicht? Fliegen ist billiger und ihr seid viel schneller am Ziel!“
„Das zu erleben ist mein grösster Wunsch!“
„Irgendwann mach ich das auch mal“
„Passt auf das ihr nicht beklaut werdet und fahrt nicht in der dritten Klasse, das ist gefährlich!“

Das mit der Langeweile hat mich am meisten gereizt. Für viele Stunden nichts Produktives tun zu können, ist in meinen Augen sehr verlockend. Was mach ich während der Zeit? Wie läuft ein Tag in der Transsib ab? Fahren wir erste, zweite oder gar die dritte „Platzkartny“ Klasse?

Mit diesen und noch vielen anderen Gedanken, Befürchtungen und Hoffnungen machen wir uns an den organisatorischen Teil der Fahrt.
Was es dabei alles zu bedenken gibt und welche Tipps ich euch dazu geben kann findet ihr hier: How to Transsib

Tickets Transsibirische Eisenbahn

Die Fahrt beginnt

Am Sonntag, den 11. Juni 9:52 Uhr beginnt die Fahrt in Jekaterinburg und am 13. Juni werden wir gegen 15:45 Uhr in Irkutsk eintreffen. Die Uhrzeiten sind auf der gesamten Zugstrecke in Moskauer Zeit aufgeführt.
54 Stunden Zeit nichts zu tun?!

Wenn man am Bahnhof auf die Anzeigetafel schaut, findet man dort Zahlen und ein ganzes Sammelsurium an kyrillischen Lettern. Anhand der Abfahrtzeiten, welche circa eine Stunde vorher angeschrieben sind, lässt sich auf den gebuchten Zug samt Abfahrtsgleis schliessen – falls er pünktlich ist…
Doch keine Angst, Probleme wie mit der Deutschen Bahn, kennt man in Russland wenig bis gar nicht. Hier kommen und gehen die Züge auf die Minute genau.

Während sich die Eisenbahn langsam in Bewegung setzt, verstauen wir unsere Rucksäcke und richten unser Lager für die nächsten zweieinhalb Tage. Matratze und Kissen liegen zusammengerollt und verstaut in einer Nische.

Transsibirische Gang

Nachdem wir die Tickets bei der Schaffnerin abgeben, erhalten wir Bettwäsche und ein paar Informationen mit denen wir nichts anfangen können. Die Dame in Uniform ist sehr sachlich, pflichtbewusst und wird im weiteren Verlauf der Reise bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Gang putzen. Bei ihrem Blick hätte selbst Chuck Norris kapituliert. Ihre klare und energische Anweisungen versteht man auch ohne Russischkenntnisse.
Der uns gegenüber sitzende, ältere Mann beobachtet währenddessen alles was wir tun argwöhnisch – das kann ja heiter werden…

Ach ja, wir sitzen in der Platzkartny Klasse. Das sind die Liegewagenabteile in denen man am günstigsten Reisen, aber eben auch kaum Komfort geniessen kann. So befinden wir uns also in einem offenen Wagon mit 54 Schlafplätzen und meist ebenso vielen Menschen unterschiedlichen Alters.

Nachdem wir die Betten bezogen und die wichtigsten Sachen auf dem Tisch platziert haben, sitzen wir auf der unteren Liegefläche und starren aus dem Fenster.

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Transsibiristan

Während den ersten Stunden fällt mir immer wieder auf wie sich mein Gehirn zwanghaft Tätigkeiten sucht.

— Ich könnte Karten spielen oder einen neuen Blogbeitrag schreiben, versuchen Leute kennenzulernen, interessante Fotos schiessen oder Kreuzworträtsel lösen, Reiseplanungen recherchieren oder im Internet surfen… —

Dann erinnere ich mich wieder an die Sache mit der Langeweile. Ich wollte mit der Transsib reisen um eben mal nichts tun zu müssen/können. Darum lege ich meinem Gehirn bei jedem neuen Einfall einen Maulkorb um und lenke meinen Blick zurück nach draussen.

Soviel Bäume habe ich noch nie gesehen. Stundenlang fahren wir an Birkenwäldern und Lichtungen, Gewässern und endlosen Wiesenflächen vorbei. Die Natur hinter dem Fenster wirkt wie ein Narkosemittel auf meine Gedanken.

Die Gerüche von Menschen und deren Essen liegen mir in der Nase.

Die Töne von Kindergeschrei und dem Singsang russischer Unterhaltungen, schnarchenden Menschen und dem immer gleichen rattern der Schienen, vermischen sich zu einem Einheitsbrei und umnebeln mein Ohr.

Die Eindrücke wirken lange – ich fühle mich wohl, geborgen in meinem Transsibiristan.

Irgendwann klopft dann wieder das Gehirn an oder ist es mein Herz? Die Gedanken sind nun aber anderer Natur. Sie drehen sich um nahestehende Menschen. Meine Familie und Partnerin, Freunde und weitere wunderbare Personen die in meinem Leben eine Rolle spielen. War ich immer gut zu ihnen? Wissen sie eigentlich dass ich sie liebe? Denkt man mit Herz oder Hirn – oder mit beidem?

„Ich bin Sergey, bitte esst!“ reisst mich unser Gegenüber aus meiner Gefühlswelt.

Sergey

Nachdem er stundenlang keine Reaktion gezeigt und mit ungläubiger Miene beobachtet hat, schaut er uns mit weichen Augen an. Unseren gemeinsamen Tisch hat er zu einer reich gedeckten Tafel verwandelt. Frische Tomaten, paniertes Fleisch, Eier und Gewürze. Eine Grossfamilie wäre bei dieser Menge sicher satt geworden. Dazu trinken wir Schwarztee, zubereitet mit heissem Wasser aus dem Samowar (Trinkwasser Boiler), der in jedem Wagon im Eingangsbereich zu finden ist. Wir verständigen uns noch einige Stunden mit Händen und Füssen bis die Dämmerung beginnt.

Die eine Toilette samt Waschbecken wird nun abwechselnd von 54 Leuten als Badezimmer genutzt um sich für die Nachtruhe vorzubereiten. Bei einer Fläche von einem Quadratmeter, kein leichtes Unterfangen. Um Punkt 22:00 Uhr schaltet die Schaffnerin alle Lichter im Wagon aus. Sergey wünscht Marie und mir eine gute Nacht und legt sich schlafen. Es wird immer stiller. Irgendwann sind nur noch monotone Zuggeräusche zu hören die mich in einen tiefen Schlaf wiegen.

Auf der Strecke hält die Transsibirische Eisenbahn mehrere Male, entlässt reisende und sammelt neue auf. Als ich am nächsten Morgen aufwache ist die Liege gegenüber leer. Auf dem Tisch liegen Tomaten und zwei frische Beutel Schwarztee in einer offenen Alufolie drapiert…

Irgendwann geht das Zeitgefühl flöten

Während wir von West nach Ost nicht nur das Land, sondern auch mehrere Zeitzonen durchfahren, verliert die Uhr an Wichtigkeit. Was bleibt ist der Moment. Ich tue wonach mir ist ohne Ablenkung ohne Stress ohne darüber nachzudenken. Verpflichtungen können mir jetzt gestohlen bleiben.

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“Eisenbahnromantik“

Um so weiter wir durch Asien fahren, desto wärmer wird es. Mit der Hitze verändern sich die Gerüche sowie meine Stimmung. Die Klimaanlage ist defekt. Die Funktionsweise der Kippfenster bleibt aus mir nicht ersichtlichen Gründen, ungenutzt.

Der Schweiss läuft.
Die Eisenbahnromantik ist vorüber.

Während den letzten 7 Stunden ertappe ich mich, bei der Vorstellung in einem 2. oder gar 1. Klasse Abteil mit kühler Zitronenlimonade und frischer Luft zu sitzen.

Beim Aussteigen am Irktusker Bahnhof Karasansky merkt man, auch aufgrund der Zeichnung asiatischer Gesichtzüge, in einem anderen Kontinent angekommen zu sein.

Im Hostel eingecheckt, reisse ich mir die Kleider vom Leibe und lass das klare Baikalseewasser aus der Duschbrause strömen.

10 Kommentare zu “Unterwegs – 54 Stunden in der Transsibirischen Eisenbahn

  1. Lisa Varnica

    Es ist schön, von Euch so viele tolle Bilder zu sehen. Vor allem wo ihr persönlich drauf seid.

  2. Lieber Bo, du schreibst ganz toll!! Wir vermissen euch hier. Grüße an Marie.

    • Hallo Anne, vielen Dank für die Blumen. Packt euren Rucksack und kommt vorbei – demnächst sind wir in Indonesien 🙂
      Dir wünschen wir einen wunderschönen Tag mit deinen Liebsten, geniess deinen Geburtstag!

      Fühlt euch gedrückt

      Boris & Marie

  3. Hallo Boris.
    Da fällt mir etwas aus meiner Jugendzeit ein:

    Russisches Volkslied
    1. Strophe:

    Herrlicher Baikal, du heiliges Meer, auf einer Lachstonne will ich dich zwingen! Starker Nordost treibt die Wellen daher. Rettung, sie muss mir gelingen. Starker Nordost treibt die Wellen daher. Rettung, sie muss mir gelingen.

    Gruß Dad

    • Das war keine Lachstonne, das war eine „омулёвая бочка“, eine Tonne für Omul. Der Omul ist eine Fischart, die es nur in Sibirien, speziell im Baikal gibt – sehr fett, aber auch sehr bekömmlich, wird roh gegessen, verträgt sich gut mit Wodka – denke mal, der Boris hat ihn probiert. Wenn nicht – schade.

  4. Ruth Pfenninger

    Ihr Lieben
    Mit grossem Interesse und erwachender Reiselust haben wir von Eurer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn gelesen. DANKE und Herzgruss in Vorfreude auf alles was noch kommt. Ruth und Rolf

    • Liebe Ruth und Rolf,

      ja, die Transsib war eine tolle Erfahrung. Wie schön, dass ihr euch so für unsere Reise interessierst. Wir freuen uns über jeden Kommentar den ihr uns hinterlasst.

      Marie & Bo

  5. Da geht mir das Herz auf!!! Tolle Bilder. Freu mich schon auf den Mongolei Bericht….
    LG Katja

    • Hi Katja,
      kommen da Erinnerungen hoch oder hast du damals andere Erfahrungen gemacht? 🙂

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